Dies ist das Vorwort des Buches »Strahlung im Mobilfunk« von Fritz Jörn.
Weitere Anmerkungen zum Buch über www.Joern.De/Strahlung
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©Fritz Jörn MMIII

Nachdenkliches Vorwort

W

ir alle sind täglich umgeben von Schall und elektromagnetischen Strahlen aller Art. Nur einen ganz geringen Teil davon können wir mit unseren Ohren hören oder mit eigenen Augen sehen. Welche Einflüsse all diese Strahlung auf uns hat, macht uns Sorgen.
   Der Mensch ist Teil seiner Umwelt, unausweichlich. Fortwährend verändert er sie, nicht nur in den Städten, auch auf dem Land, im Gebirge, in den Tiefen des Meeres. Wir wissen nicht, ob die Natur ohne uns »besser« wäre, friedvoller, ungefährlicher für ihre Kreaturen und Arten. Ist die Nahrungskette »böse«? All diese Fragen sind müßig. Wir müssen uns mit der Natur und mit dem, was wir aus ihr machen, aktiv auseinandersetzen. Wie müssen Verantwortung übernehmen, Verantwortung für unsere Produkte und unsere Abfälle, für Neues und Altes, für Mitmenschen und für alle Arten, und hier eben speziell für Nachrichten und Strahlen.
   Die alttestamentarische Empfehlung aus der Genesis »Machet euch die Erde untertan!«[i] verstehe ich als Aufforderung, mit dem eigenen Verstand an diese Welt heranzugehen, sie zu entdecken, zu erkennen – und sie dann mit Willen und Kraft (mit) zu gestalten, sie aktiv ein wenig besser zu machen.
   Weil aber unsere Welt heute eine Welt der Technik ist, sollten wir eben diese verstehen, so wie unsere Vorfahren Tiere und Pflanzen, Wetter und Gezeiten kannten. Wir machen uns die Erde mit Technik untertan, und das ist recht so.
   Unsere Verantwortung, mit unserem Wissen umzugehen, heißt die Welt gestalten. Das bedeutet gerade nicht, einfach gar keinen Einfluss auf die »Natur« zu nehmen, auf die scheinbar »gute«, sondern im Gegenteil, aus Wissen und Verantwortung heraus seine menschliche Rolle aktiv zu spielen.

Soviel zur Philosophie, zu meiner.

Als Baum getarnter Funkmast im Gegenlicht, Colorado, USA, 2000. Foto Jörn [Tarnmast]

Ich bin kein Mediziner, auch kein Politiker, Mobilfunkbetreiber oder Industrieller – als Handy- und Schnurlostelefonnutzer allerdings bin ich betroffen wie wir alle. Zur Diskussion über Elektrosmog kann ich deshalb nur beitragen, was ich – als Techniker – über elektromagnetische Strahlung weiß, genau gesagt: was ich darüber zu wissen glaube, und ehrlich gesagt: was ich mir abgeleitet und ausgedacht habe. Denn wenn es ernst wird – das habe ich erfahren – hilft nur eigenes Nachdenken, hilft Common Sense mehr als das Nachbeten fremder Meinungen, und seien sie von noch so ehrwürdigen Professoren.
   Darf ich Ihnen empfehlen, nichts einfach zu »glauben«, und das niemandem! Es gibt Scharlatane genug, die – ihre eigenen Geschichten selbst glaubend oder schlicht betrügerisch – das Blaue vom Himmel herunter erzählen. Es gibt gut gemachte Zeitschriften, die Ihnen vorne allen Ernstes für fünfhundert Euro ein elektrisch Rechteck-pulsendes Gerät gegen Viren redaktionell empfehlen, und Sie weiter hinten dringend vor pulsierendem Mobilfunk warnen. Es gibt Wunderheiler und Universitätsprofessoren, Interessenverbände und Sensationsjournalisten, alles Menschen wie Sie und ich. Machen Sie sich die Mühe einer eigenen Meinung – nicht durch rasche Übernahme von Argumenten sondern durch eigenes, erarbeitetes Verstehen im Einzelnen. Glauben Sie auch mir nicht. Bilden Sie sich – mühsam – Ihre eigene Meinung.
   Schlimm genug, dass die Fakten über Mobilfunk oft verschleiert werden. Da braucht nur einer zu sagen: »Ich meine, so ist das«, oder »Auszuschließen ist nicht, dass ...«, schon schreibt es ein anderer ab, setzt es ins Internet, munkelt herum mit scheinbaren Fakten und noch unscheinbareren Ursachen dafür. Selbst Ministerien waschen sich ihre vielen teuren Hände in scheinbar unschuldigen Warnungen, damit dann ja keiner sagen kann, sie hätten nicht gesorgt und gewarnt – und wenn es um Sahnetorten geht.

Ein Wort zu Herstellerangaben: Müssen Verbraucher schon bei einem Haarföhn glauben, dass die Leistung richtig angegeben ist, wie viel stärker gilt das bei Mobilfunk! Es wäre Aufgabe der Hersteller und Betreiber, auch scheinbar Unwichtiges offen zu legen, »gläserne« Produkte zu bauen. Und es wäre die Aufgabe hoheitlicher Stellen, nicht nur Lizenzen einzustreichen, sondern uns einen statistischen Überblick über die Mobilfunkszene zusammenzustellen. Wie viele Minuten funkt ein Handy im Durchschnitt? Wie viele Kurzmitteilungen verschicken Schüler in welchem Alter? Wo überall stehen Sender, und mit welcher Leistung strahlen sie, und wohin?
   Nur langsam wächst die Offenheit. Es wird klar, dass Nicht-Wissen nicht Nicht-gefährdet-Sein bedeutet. Wer wegschaut lebt auch nicht besser, auf keinen Fall länger. Er hat nur immer so ein komisches Gefühl dabei. Wir müssen wieder den Mut haben, den Dingen ins Auge zu sehen, sozusagen mit eigenem Augenmaß leben!
   
Konkret gebe ich Ihnen hier sachliche Erklärungen, Fakten für die elektrischen Phänomene im Zusammenhang mit Mobilfunk. Ich zeige Ihnen Größenordnungen auf und möchte sichtbar machen, was wann eigentlich wo wie stark strahlt.
   Schlussfolgern kann ich nur, soweit Logik und Verstand reichen. Aussagen wie »nach den Erfahrungen vieler Wissenschaftler und Ärzte« oder »nach Meinung einiger unabhängiger Forscher« werden Sie hier bei mir nicht finden. Und mit meinem eigenen Empfinden, dass mich ein in der Nähe sichtbarer Mobilfunksender und vier Sendestärke-Balken im Handy-Display geistig eher anregen als müde und krank machen, werde ich Sie auch nicht dauernd belästigen. Ob einzelne, relativ kleine Umwelteinflüsse dem Menschen überhaupt schaden, oder ob sie ihn im Gegenteil vielleicht sogar anregen wie Musik zu Hausaufgaben – was ja auch umstritten ist –, oder ob sie drittens gar keine Wirkung haben, dies, so fürchte ich, wird nie abschließend beweisbar sein[ii]. Weder Migräne noch Motivation lassen sich objektivieren.

Subjektive Empfindungen, besonders Angst, sind generell nicht übertragbar. Ich selbst leide unter Höhenangst – egal, wie sehr ich mir klar mache, dass ich weder am platten Land noch bei einer Gratwanderung zur Fallsucht neige. Elektrosensiblen mag es ähnlich gehen. Alle diese persönlichen Wirkungen sind für die Beteiligten real, aber sie sind nicht objektivierbar, sind keine Wirkungen von außen nach innen. Ein schönes Bild kann Ruhe ausstrahlen – doch nur, wenn es jemand betrachtet.
   Jeder Bergsteiger lacht mich ob meiner Höhenangst aus. Ich lache Sie nicht aus, wenn Sie elektrosensibel sind. Nur weigere ich mich, als Ursache der Höhenangst die Berge auszumachen und flugs ihre Nivellierung zu fordern, was für meine Höhenangst gewiss eine gute »Lösung« wäre. Wir können nicht Strom aus öffentlichen Gebäuden verdammen, weil es Elektrosensible gibt, und wir können auf Mobilfunk, der (wie Gebirge) Nutzen bringt und äußerst populär ist, nicht verzichten, weil manch einer subjektiv darunter leidet. Lesen Sie weiter, und Sie werden mir vielleicht folgen.

Höhe kann Angst machen – auch ganz ohne physikalische Einwirkung. Bau der 520 m langen und bis zu 65 m hohen Autobahnbrücke über die Zahme Gera, 2. Juni 2002. Foto Trefz[iii]. [zger90grG.jpg]

   Eine ernste Warnung will ich anschließen. Fanatische Befürworter oder Gegner einer Meinung haben nicht das Recht, andere wegen ihrer anderen Meinung zu diskriminieren! Den Boykott ganzer Bevölkerungsschichten, seien das heute Raucher und morgen Mobilfunker, seien das heute Nicht-Vegetarier und morgen anders Sprechende oder Gläubige, und sei es nur ein einziger Metzger, der auf seinem Dach eine zugelassene CB-Funk- oder Mobilfunkantenne hat – persönliche Angriffe gegen Personen, Boykott,
Mobbing, Schneiden oder Diskriminieren, wie immer Sie es nennen, das darf es in einem demokratischen Gemeinwesen nicht geben. Boykott ist wie jede Selbstjustiz a priori unmoralisch, geht sie doch davon aus, dass man es erstens viel, viel besser weiß als der andere, und zweitens, dass der Zweck die Mittel heiligt.

Zurück zu den Risiken: Die umfangreiche statistische Studie über Krebsgefahr bei Mobilfunk aus Dänemark[iv], bisher die größte überhaupt, entdeckte bei 420.095 Teilnehmern zwischen 1982 und 1995 statt 3.825 statistisch erwarteten Krebsfällen nur 3.391 Fälle – also sogar Rückgang um elf Prozent! Doch auch dieser beweist nicht die Heilwirkung von Handys, obwohl es eine so genannte »Kohortenstudie« ist. Man muss sich Studien schon ganz genau ansehen und sich deren »Vertrauensbereich« herausarbeiten, die Bandbreite der Ergebnisse. Ich komme noch darauf. Vielleicht ist alles einfach nur ein Spuk[v] ...
   Noch ein ernstes Wort zu allgemeinen Lebensrisiken. Jedes Jahr stirbt im Straßenverkehr in Deutschland die Bevölkerung einer Kleinstadt[vi]; zahlenmäßig wird sogar fast eine ganze Stadt wie Hannover[vii] verletzt[viii]. Das nehmen wir in Kauf, wenn wir ins Auto steigen, ja, wir kümmern uns nicht einmal um die statistisch unfallärmere Route bei der Auswahl der Strecke in die Ferien. Mobiles Telefonieren am Steuer, Rauchen oder Streit mit dem Beifahrer sind gewiss ein höheres Risiko für alle Beteiligten als die dabei eventuell genutzte Hochfrequenz.
   Jeder vierte Todesfall in Deutschland ist Folge von Krebs[ix] – und das seit Jahrzehnten! Ursachen dafür kennen wir – wenn wir ehrlich sind – wenige. (Und wenn, so hält dies unser Gemeinwesen nicht davon ab, Zigarettenrauchen nach wie vor zuzulassen, und sich daran durch Steuerabgaben und angeblich kürzere Rentenlaufzeiten zu bereichern.) Bei dieser sehr hohen Zahl von Krebserkrankungen wird sich eine geringe Erhöhung oder Verringerung der Krebsrate statistisch keinem einzelnen Umwelteinfluss zuordnen lassen, auch nicht der nebulösen allgemeinen Steigerung von Umwelteinflüssen, weder rhythmischer Diskomusik noch pulsenden Mobiltelefonen noch beidem zusammen. Nichts wird man beweisen können – streiten doch um so mehr!

Wenn Mobilfunk und drahtlose Kommunikation in den letzten Jahren so populär geworden sind, dann entspricht das – nicht nur bei Feuerwehr-Funkgeräten, Babyphonen und Schnurlostelefonen für ältere Mitbürger – einem wirklichen Bedürfnis, auch nach Sicherheit.
   Die neue, fortschrittliche Mobilfunknorm UMTS, das so genannte »universelle Mobiltelekommunikationssystem«, erlaubt vielfältige Dienste bei noch geringerem Verbrauch an neuen Frequenzen und noch geringeren Sendeleistungen. Es benötigt dafür aber, wie jede drahtlose Kommunikation, Antennen.
   Wie Antennen arbeiten, wie sie mit Mobilgeräten und untereinander in Verbindung stehen, welche Strahlung dabei auftritt, wird hier, zusammen mit den dazu vorgegebenen Rahmenbedingungen, dargestellt.
   Ich hoffe, Ihnen damit eine Hilfe zur Meinungsbildung zu geben.



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   Fritz Jörn, Bonn Foto Jörn

Fritz Jörn, im Sommer 2003
Fritz@Joern.De


P.S.: Viele der Internet-Links in den Fußnoten wären mühsam von Hand einzugeben, sie mögen sich auch ändern. Ich will Ihnen die Fußnoten auf die Webseite www.Joern.De/Strahlung stellen, damit Sie sie dort nur anklicken müssen. Für deren Inhalt bin ich natürlich nicht verantwortlich.

Mehr zu Elektrosmog und Strahlung bei mir über www.Joern.De/Esmog.



[i] 1. Mose 1,28: Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

[ii] Die Wirkung kleiner Mengen von »Gift«, oder jedenfalls von in großer Menge Schädlichem, ist eine uralte Frage der Medizin, der Homöopathie. Allzu laute Musik schädigt das Ohr. Dass nun normal laute das auch tut, ist unwahrscheinlich, ganz zu schweigen von leiser Musik. Ein Thema zum Nachdenken!

[iii] Aus http://www.tri-c.de/Die_Autobahn/Die_Bauwerke/Brucken/Zahme_Gera/zahme_gera.html

[iv] Christoffer Johansen, John D. Boice, Jr., Joseph K. McLaughlin, Jørgen H. Olsen, “Cellular Telephones and Cancer—a Nationwide Cohort Study in Denmark”, Report veröffentlicht vom Journal of the National Cancer Institute, Vol. 93, No. 3, 203-207, February 7, 2001, siehe http://jncicancerspectrum.oupjournals.org/cgi/content/abstract/jnci;93/3/203?fulltext=420+.+095, voller Text über http://jncicancerspectrum.oupjournals.org/cgi/content/full/jnci;93/3/203 für 17 $ für 24 Stunden. Eine Zusammenfassung im Anhang.

[v] http://promobilfunk.de/e_spuk.htm

[vi] Im deutschen Straßenverkehr wurden 2001 (2000, 1999) insgesamt 6.977 (7.503, 7.772) Personen getötet: www.destatis.de/basis/d/verk/verktab6.htm

[vii] Hannover hatte 2000 insgesamt 515.000 Einwohner, siehe www.grandurbo.de/wissenswertes.html#Landeshauptstädte%20nach%20Größe

[viii] Verletzte 494.775 (nach 504.074, 521.127) www.destatis.de/basis/d/verk/verktab7.htm

[ix] Krebs: www.statistik-bund.de/presse/deutsch/pm2000/p3620092.htm Ein Viertel der 1999 Verstorbenen erlag einem bösartigen Krebsleiden (108 000 Männer und 102 400 Frauen). Bei den Männern hatten bösartige Erkrankungen der Atmungsorgane (29 800 Verstorbene) und der männlichen Geschlechtsorgane (11 500 Verstorbene) die größte Bedeutung. Bei den verstorbenen Frauen dominierten bösartige Erkrankungen der Verdauungsorgane und der Brustdrüse mit 35 700 bzw. 17 600 Sterbefällen.
Ursprünglich aus einem guten c’t-Artikel zu Elektrosmog: c’t 2000 Heft 14 p. 218 ff., www.Heise.De/ct/00/14/218/.